02.11.2010, Hannoversche Allgemeine Zeitung

“Kinder, liebe Kinder, es hat mir Spaß gemacht”
In der Orangerie trotzdem immerhin drei Chöre dem Zerfall ihres Festivals
Von André Mumot:
Es liegen natürlich Welten zwischen einer winzigen poetischen Miniatur wie derr. “Die Berge sind spitz”-Lied von Johannes Brahms und einer stampfenden A-capella-Techno-Parodie der Wise Guys zum Thema “Alle meine Entchen”, bei der der CantAria-Chor den schönen Satz anstimmt: “Entchen? Who the fuck is Entchen?”
Aber schließlich ist sie eben sehr reich und vielfältig, die Chorlandschaft der Region. Und so ist dieses Konzert dann doch irgendwie repräsentativ, auch wenn es bloß ein Überbleibsel ist: Nicht zwölf, sondern nur drei Ensembles treten auf bei diesem “Chormusik”-Festival der Stadt Hannover - und zwar in der Orangerie Herrenhausen und nicht in der Galerie. Und, ja: Der Ort ist kühl und schmucklos, aber zumindest über die Akustik muss man sich nicht beklagen.
Vielleicht aber darüber, dass der Mädchenchor Hannover hier kein Klavier auf die Bühne bringen und deshalb nicht alle geplanten Schumann-Romanzen aufführen konnte, wie Leiterin Gudrun Schröfel mitteilt. Aber das Ensemble ist auch ohne Begleitung verlässlich und entfaltet einen immer noch reichhaltigen Bogen aus Brahms- und Schumann-Stücken, eine klar und mitreißend interpretierte Beschwörung von urromantischen Friedhofs- und Klosterszenen, von inniger Natur- und Todessehnsucht.
Nach so viel bestechender Stimm- und Ausdruckspräzision hat es der kleinere Spiritualchor der Bonhoeffer-Kirche unter Angelina Sollers Leitung nicht ganz so leicht. Die “Body and Soul” - Gospelmesse von Lorenz Maierhofer wird aber mit sympathischem Schwung aufgeführt und schafft einen temperamentvollen Bogen zu jenem CantAria-Ensemble, das nicht nur die Wise Guys herbeiruft, sondern auch den Esoterik-Klassiker “Adiemus”.
Der Chor wagt sich an eine leidenschaftlich wortlose “Dibadubadu”-Version von Piazollas “Libertango” und betört in schlichter, schöner Weise mit “Somewhere over the Rainbow”. Trostpflaster sind hier offensichtlich vonnöten, und so bringen sie mit dem Schlusslied des Ost-Sandmännchens eine unter denkbar problematischen Umständen aufgezogene Veranstaltung vorerst zu einem versöhnlichen Ende. Sodass man sich den gesungenen Worten dann doch anschließen mag: “Kinder, liebe Kinder, es hat mir Spaß gemacht.”